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Kapitel 1

Spiegel der Wahrheit

Fred landete unsanft auf dem Boden, der sich überraschend hart unter seinen Füßen anfühlte. Mit einem leisen Stöhnen richtete er sich auf und massierte seinen schmerzenden Rücken. „Wenigstens ist das Labyrinth konsequent – wenn es darum geht, mir den Tag zu vermiesen“, murmelte er, während er sich umsah.

Der Raum, in dem er sich befand, war völlig anders als alles, was er bisher gesehen hatte. Die Wände waren bedeckt mit Spiegeln, die sich von oben bis unten erstreckten, und Fred konnte in jedem einzelnen sein eigenes Spiegelbild sehen – nur, dass jedes Spiegelbild ihn auf eine andere Weise verzerrt zeigte. Mal war er jünger, mal älter, mal dünner, mal … deutlich runder. Ein Spiegelbild schien sogar mit seinen Gesichtszügen zu spielen, als hätte es beschlossen, Fred in einer absurden Karikatur darzustellen.

„Ein Spiegelsaal? Was kommt als Nächstes, ein Jahrmarkt mit einer Geisterbahn?“ Fred trat einen Schritt vor, und die Spiegelbilder bewegten sich synchron mit ihm, als wollten sie sicherstellen, dass er sich ihrer ständigen Präsenz bewusst war. „Was für eine Freude“, dachte er trocken. „Nicht nur, dass ich mich hier verirre, jetzt muss ich mich auch noch ständig selbst anschauen.“

Fred ging weiter, versuchte, den Spiegeln keine Beachtung zu schenken, doch das war leichter gesagt als getan. Einige der Spiegelbilder verhielten sich auf seltsame Weise unabhängig von ihm. Ein Spiegelbild winkte ihm verspielt zu, während ein anderes eine Grimasse schnitt, die Fred sicher war, nie gemacht zu haben. „Wollt ihr mich auf den Arm nehmen?“, fragte Fred laut, als würde er tatsächlich eine Antwort erwarten.

Er blieb vor einem Spiegel stehen, in dem sein Spiegelbild ihn mit grimmigem Gesichtsausdruck anstarrte – wie die personifizierte schlechte Laune an einem verregneten Montagmorgen. „Na großartig, da ist ja meine Montagsversion“, bemerkte Fred trocken. „Und dabei ist heute nicht mal Montag.“

Er drehte sich zu einem anderen Spiegel, und dort sah er sich als Kind, die Augen weit aufgerissen, mit einem Blick, der irgendwo zwischen neugierig und verängstigt lag. „Lang ist’s her“, murmelte Fred und schüttelte den Kopf. „Zumindest ist da nicht mehr so viel Angst … oder?“

Ein leises Flüstern begann den Raum zu füllen, zunächst kaum hörbar, wie ein Hauch von Atem, der durch die Spiegel sickerte. Fred hielt inne. Die Stimmen schienen aus den Spiegeln zu kommen, eine seltsame Mischung aus seinem eigenen Klang und einer fremden, fast ätherischen Präsenz. „Warum bist du hier, Fred Müller? Was suchst du wirklich?“

Fred drehte sich abrupt um und sah, wie alle Spiegelbilder ihn nun gleichzeitig ansahen – ein Anblick, der ihn unbehaglicher machte, als er zugeben wollte. „Ich … weiß es nicht!“, rief er aus, doch die Spiegel ließen sich davon nicht beeindrucken. Das Flüstern wurde lauter, verdichtete sich zu einem Chor, der den Raum erfüllte und Freds Kopf in einem erdrückenden Echo fast zum Bersten brachte.

„Na schön, na schön!“, rief Fred und hob abwehrend die Hände, als ob das irgendetwas bewirken könnte. „Vielleicht suche ich nach einem Ausgang, ja? Oder nach einem Cappuccino und einem Stück Torte! Was weiß ich denn!“

Die Stimmen verstummten abrupt, als hätten sie genug gehört, und die Spiegelbilder flackerten, bis sie wieder normal wirkten – oder zumindest normaler. Fred atmete tief durch, ließ sich auf den kalten Boden sinken und lehnte sich gegen die kühle Wand hinter ihm. „Das fängt ja gut an“, murmelte er und versuchte, seinen rasenden Herzschlag zu beruhigen.

„Also, Fred Müller“, sagte er zu sich selbst. „Du bist in einem Labyrinth gefangen, redest mit Spiegeln, und die einzige konstante Begleitung ist dein eigener Zynismus. Wenn das kein Zeichen dafür ist, dass du dringend Urlaub brauchst, dann weiß ich auch nicht.“

Nachdem er sich ein wenig gesammelt hatte, stand Fred wieder auf und sah sich um. Die Spiegel wirkten nun weniger bedrohlich, eher wie neugierige Beobachter. Er trat näher an einen Spiegel heran und sah hinein, aber diesmal blickte ihm nur sein gewohntes Gesicht entgegen.

„Weißt du, was das Problem ist?“, sagte Fred zu seinem Spiegelbild. „Ich weiß nicht mal mehr, ob ich nach Hause will oder ob ich einfach nur … keine Ahnung … ein großes Eis brauche.“ Sein Spiegelbild grinste schief zurück. „Aber eins ist sicher: Egal, was hier passiert, langweilig wird es nicht.“

Plötzlich sprang eine der Türen an der gegenüberliegenden Wand mit einem lauten Knarren auf. Fred fuhr herum und blickte in den dunklen Korridor dahinter. „Na großartig“, seufzte er. „Ich hatte gehofft, wenigstens einen Moment Ruhe zu finden.“

Doch bevor er sich auf den Weg machen konnte, hörte er hinter sich ein leises, aber deutliches Geräusch. Er drehte sich langsam um und bemerkte, dass eines der Spiegelbilder – das grimmig dreinschauende – sich anders verhielt als die anderen. Es bewegte sich unabhängig von Fred, trat vor und verschwand plötzlich aus dem Spiegel, als hätte es sich in Luft aufgelöst.

Fred starrte einen Moment lang auf den leeren Spiegel, der nun nur noch den Raum hinter ihm zeigte. Er spürte ein seltsames Kribbeln im Nacken, schüttelte dann jedoch den Kopf und setzte ein entschlossenes Grinsen auf – mehr aus Trotz als aus Überzeugung – und machte sich auf den Weg zur Tür. „Na gut, Labyrinth. Zeig mir, was du noch auf Lager hast.“

Mit einem letzten, beinahe herausfordernden Blick auf die Spiegel trat Fred durch die Tür, bereit, sich den nächsten Herausforderungen zu stellen, was auch immer sie sein mochten.