Fred trat durch die Tür, und für einen Moment erwartete er, dass ihn wieder einer dieser Flure empfing – mit Schildern, die zu Abteilungen führten, die niemand brauchte, und Regeln, die nur existierten, weil irgendjemand einmal beschlossen hatte, dass sie existieren müssen. Stattdessen trat er in etwas, das sich nicht einmal mehr Mühe gab, wie ein Ort auszusehen.
Es war eine graue Weite, ohne erkennbare Wände, ohne Decke, ohne irgendeinen festen Punkt, an dem sich sein Blick hätte festhalten können. Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich an wie eine Behauptung, nicht wie eine Tatsache. Und der Nebel, der überall hing, war so dicht, dass Fred das Gefühl hatte, er müsse gleich einen Antrag stellen, um überhaupt weiter atmen zu dürfen.
„Na großartig“, murmelte er und blieb stehen. „Jetzt bin ich offiziell nirgendwo. Das hätte man auch einfacher lösen können. Ein Schild hätte gereicht.“
Er ging ein paar Schritte, mehr aus dem Reflex heraus, nicht stillzustehen, als aus einem echten Plan. Die Schritte klangen dumpf, als würden sie im Nebel verschluckt, bevor sie überhaupt ein Echo finden konnten. Fred merkte, dass er versuchte zu zählen, wie weit er ging, doch nach wenigen Sekunden hatte er das Gefühl, die Zahlen würden ihm durch die Finger rutschen. Vielleicht lag es an dem Nebel. Vielleicht lag es daran, dass hier Dinge wie „weit“ und „nah“ keine richtigen Begriffe mehr waren.
Als er gerade darüber nachdachte, ob man in einem Raum ohne Richtung überhaupt verloren gehen kann, bemerkte er in der Ferne ein schwaches Licht. Es war nicht hell, nicht einladend, eher … vorhanden. Wie eine kleine Erinnerung daran, dass irgendetwas hier doch einen Sinn haben könnte – oder zumindest so tun wollte.
„Gut“, sagte Fred trocken. „Ein Licht. Das ist immerhin ein Konzept, das ich kenne.“
Er bewegte sich darauf zu, und während er ging, war er sich nicht sicher, ob er sich dem Licht näherte oder ob das Licht näher zu ihm kam. Beides fühlte sich gleich plausibel an. Je näher er kam, desto klarer erkannte er, dass das Licht von einem Podest ausging, das mitten im Nebel stand, als hätte jemand es hier abgestellt und dann vergessen, es wieder abzuholen.
Auf dem Podest stand ein schwarzes Wählscheibentelefon. Fred blieb stehen und betrachtete es, als müsste er erst entscheiden, ob das wirklich die Art von Realität war, in der er sich gerade befand. Das Telefon war altmodisch, makellos, als hätte es nie ein Staubkorn gesehen. Es wirkte fehl am Platz, und gerade deshalb passte es perfekt hierher.
„Natürlich“, murmelte Fred. „Warum auch nicht. Wenn schon Labyrinth, dann bitte mit Festnetz.“
Er streckte die Hand aus, und in dem Moment, in dem seine Finger den Hörer berührten, begann das Telefon zu klingeln. Nicht zaghaft. Nicht höflich. Es klingelte so, als hätte es seit Stunden darauf gewartet, endlich jemanden zu erreichen.
Fred zuckte zusammen, mehr aus Trotz als aus Schreck. „Ja, ja“, sagte er in den Nebel hinein, als würde er damit dem Telefon klarmachen, dass er sich nicht beeindrucken lässt. „Ich komme ja schon. Man muss nicht gleich die ganze Existenz zusammenläuten.“
Er nahm den Hörer ab und hielt ihn ans Ohr. Für einen Augenblick hörte er nichts, nur ein leises Rauschen, das sich anfühlte wie das Summen der Bürogeräte in der Zentrale – diese vertraute, ermüdende Geräuschkulisse, die einem irgendwann in den Kopf kriecht und dort bleibt.
Dann sprach eine Stimme.
„Fred Müller“, sagte sie ruhig, als würde sie ihn nicht begrüßen, sondern bestätigen. „Du bist weit gekommen.“
Fred verzog den Mund. „Wenn das ein Kompliment ist, dann muss ich mich ernsthaft fragen, wer hier die Kriterien festlegt.“
„Du stehst im Zentrum“, sagte die Stimme.
Fred sah sich um. „Das Zentrum sieht aus wie das Nichts, das man übrig lässt, wenn man die Realität nicht fertig eingerichtet hat.“
Eine kurze Pause folgte. Dann sprach die Stimme wieder, als hätte sie beschlossen, dass Humor eine unnötige Komplikation sei. „Hier wird entschieden.“
Fred schwieg einen Moment. Nicht, weil er beeindruckt war, sondern weil er versuchte, in dieser Aussage eine Falle zu erkennen. Das Labyrinth hatte ihn bisher nicht mit Gewalt überzeugt. Es hatte ihn mit Logik erschöpft. Es hatte ihn warten lassen, bis ihm die Warterei selbst sinnvoll erschien.
„Aha“, sagte Fred schließlich. „Und was genau soll ich entscheiden? Ob ich hier bleibe, bis ich zu Staub werde, oder ob ich zurück darf und dafür einen Antrag auf Rückkehr stellen muss?“
„Du kannst bleiben“, sagte die Stimme. „Oder gehen.“
„Das klingt erstaunlich einfach“, antwortete Fred. „Das macht mich misstrauisch.“
„Misstrauen ist angemessen“, sagte die Stimme ohne jede Veränderung in der Tonlage. „Aber nicht entscheidend.“
Fred atmete langsam aus. Er dachte an die Warteschlange, die nur aus ihm bestanden hatte. An den leeren Raum mit dem grauen Fleck an der Wand. An die Spiegel, die ihn gefragt hatten, was er wirklich sucht, und die ihm keine Zeit gelassen hatten, es herauszufinden. Und er dachte an das grimmige Spiegelbild, das einfach verschwunden war – als hätte das Labyrinth sich ein Stück von ihm genommen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen.
„Wenn ich gehe“, sagte Fred, und er merkte selbst, dass seine Stimme leiser geworden war, „bin ich dann draußen?“
„Du wirst dort sein, wo du warst“, antwortete die Stimme.
Fred schnaubte. „Das ist keine Antwort. Das ist ein Aktenvermerk.“
„Aktenvermerke sind ausreichend“, sagte die Stimme.
Fred schwieg wieder. Er wollte etwas sagen, das nach Widerstand klang. Etwas, das ihm selbst beweist, dass er nicht einfach nur eine Figur ist, die von Tür zu Tür geschoben wird. Doch der Nebel um ihn herum drückte nicht, er wartete. Und das Telefon in seiner Hand war kein Werkzeug. Es war eine Verbindung, die ihn festhielt, ohne ihn zu berühren.
„Also gut“, sagte Fred schließlich, und sein trockener Humor war wieder da, aber dünner als sonst. „Dann gehe ich eben. Nicht, weil ich glaube, dass ich damit irgendetwas löse. Sondern weil ich es satt habe, in Räumen zu stehen, die so tun, als hätten sie eine Bedeutung.“
Die Stimme sagte nichts. Nicht zustimmend. Nicht ablehnend. Einfach gar nichts. Und genau das war das Unheimliche daran.
Der Nebel begann sich zu bewegen. Nicht wie Wind. Eher so, als würde eine Behörde eine Tür freigeben, nachdem der Antrag endlich durch alle Hände gegangen war. Vor Fred erschien eine Tür – schlicht, unscheinbar, so normal, dass sie in dieser Umgebung fast lächerlich wirkte.
Keine Aufschrift. Kein Formular. Keine Regeln, die er lesen konnte.
Fred betrachtete sie lange. Er wusste nicht, wie lange. Zeit war hier ohnehin nur eine höfliche Vermutung. Schließlich trat er näher und legte die Hand an den Griff. Die Tür war warm.
„Na schön“, murmelte Fred. „Dann mal sehen, was ihr unter ‚gehen‘ versteht.“
Er öffnete die Tür und trat hindurch.
Hinter ihm klingelte das Telefon nicht mehr. Aber Fred war sich nicht sicher, ob das bedeutete, dass es aufgehört hatte – oder ob er einfach nicht mehr in der Lage war, es zu hören.