In einer Welt, in der selbst das Licht des Morgens den richtigen Stempel brauchte, um durch die Fenster zu dringen, war das Aufwachen mehr ein Akt der Ergebenheit als des Willens. Die Sonne schlich sich träge über den Horizont, als würde sie zögern, ihre Strahlen auf eine Realität zu werfen, die ihrer Wärme unwürdig war. Es war ein Tag wie jeder andere – zumindest dachte Fred „Der Freigänger“ Müller das.
Fred, ein Mann mittleren Alters mit einem Humor, der so trocken war wie die Blätter in der abgestorbenen Topfpflanze auf seinem Schreibtisch, lag in seinem schmalen Bett und starrte an die Decke. Der Wecker auf seinem Nachttisch blinkte unerbittlich 06:00 Uhr, und Fred überlegte, ob es nicht eine Form von Verrücktheit war, jeden Tag denselben Rhythmus zu befolgen, in einer Welt, die keinen Raum für Veränderungen ließ.
„Ein weiterer Tag in der Bürokratie-Hölle“, murmelte Fred und schwang die Beine aus dem Bett. Sein Anzug – so grau wie die Gedanken, die ihn umgaben – hing lose an seinem Körper, als ob er genauso wenig Lust auf den Tag hatte wie sein Träger. Fred betrachtete sein Spiegelbild für einen Moment länger als sonst. „Vielleicht sollte ich heute doch einen Antrag auf Farbe einreichen“, sagte er trocken, während er die Wohnung verließ.
Die „Zentrale Erlaubnisbehörde“ war ein Labyrinth aus Kabinen, in denen die Luft von einem konstanten, leisen Summen erfüllt war. Akten stapelten sich wie Wolkenkratzer aus Papier, und der scharfe Geruch von Tinte und Druckerschwärze hing in der Luft. Jeder in der ZEB wusste, dass es hier keine Zufälle gab, nur Anträge und Genehmigungen, die in endlosen Schleifen ihren Weg durch die Bürokratie fanden.
Doch an diesem Morgen, als Fred seine Kabine betrat, schien etwas anders zu sein. Es war kein sichtbarer Unterschied – die Wände standen noch, die Akten stapelten sich wie gewohnt, und das Summen der Kopierer war das gleiche. Aber da war ein Kribbeln, ein unbestimmtes Gefühl, das in seinem Nacken saß, als ob die Luft schwerer geworden wäre, dichter.
Fred ließ sich in seinen Stuhl sinken, der unter ihm ächzte, als wollte er ihm raten, einfach wegzubleiben. Sein Blick fiel auf den Bildschirm seines Computers, der im selben trüben Licht wie immer leuchtete. Doch für einen Moment, vielleicht den Bruchteil einer Sekunde, meinte Fred, etwas anderes zu sehen – einen flüchtigen Schatten, eine Bewegung, die nicht in die monotone Ordnung passte.
Er schüttelte den Kopf. „Einbildung“, murmelte er und zog den ersten Stapel Akten heran. Doch das Kribbeln blieb, nagte an ihm wie ein Gedanke, der nicht zu fassen war.
Fred hob die erste Akte, doch anstatt sie wie gewohnt zu öffnen, verharrte er einen Moment. Seine Hand zitterte leicht. „Was soll's“, murmelte er, „noch ein Tag in der endlosen Reihe.“
Doch als er die Akte aufschlug, traf ihn eine Welle von Beklommenheit. „Formular X-93b – Antrag auf das Erkennen der Realität“ stand in verblasster Schrift auf dem Deckblatt. Freds Blick verharrte auf den Worten, die sich in sein Bewusstsein brannten.
„Die Realität?“ Sein Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln, das wenig mit Freude zu tun hatte. „Vielleicht ist es an der Zeit, die Realität neu zu definieren.“
Er setzte den Stift an, fast widerwillig. Doch irgendetwas in ihm, etwas, das er längst für tot gehalten hatte, erwachte. Die ersten Worte flossen aus seiner Feder, und im selben Augenblick begann die Welt um ihn herum zu flimmern, zu vibrieren, als wäre sie nicht mehr als ein Vorhang, der jederzeit fallen konnte.
Doch das war nicht der Fall, nicht heute – und vielleicht war das auch gut so. Denn für Fred Müller, den „Freigänger“, begann gerade ein Tag, der alles andere als gewöhnlich war.