⬅ Kapitel 1
Kapitel 2

Das Labyrinth der Realität

Fred stand am Ende der unsichtbaren Warteschlange und fühlte, wie die Zeit sich langsam in Kaugummi verwandelte, der zwischen den Zähnen klebt. Die Minuten dehnten sich endlos, als ob sie selbst nicht genau wussten, was sie hier taten. Die „Warteschlangen-Aufsicht“ stand wie eine menschliche Standuhr, die nur darauf wartete, den Zeiger auf „zu spät“ zu stellen. Ihre Augen waren fest auf Fred gerichtet, als wäre er kurz davor, eine unsichtbare Linie zu überschreiten, die nur sie erkennen konnte.

„Ich bin der einzige Kunde in diesem Laden und muss trotzdem warten?“, dachte Fred, während er auf der Stelle trat. „Vielleicht sollte ich mich einfach selbst anklagen – für das Verbrechen, zu pünktlich zu sein.“

Die Zeit, wie auch immer sie hier funktionierte, floss weiter, wenn auch zäh und widerwillig. Schließlich, als Fred sicher war, dass er einen Weltrekord im sinnlosen Herumstehen gebrochen hatte, hob die Aufsicht ihre knochige Hand und wies auf eine Tür, die wie aus dem Nichts vor ihm erschienen war. „Sie sind an der Reihe“, sagte sie, als hätte sie ihn gerade zu einem exklusiven Club für Warterekordhalter eingeladen.

Fred trat zur Tür, die so plötzlich vor ihm aufgetaucht war, und öffnete sie zögernd. Dahinter lag ein Raum, der so leer war, dass er sich fragte, ob jemand vergessen hatte, die Realität zu installieren. Ein Schreibtisch stand einsam in der Mitte, flankiert von Regalen voller Akten, die keinen Titel trugen, als hätten sie ihren Zweck längst vergessen. An der Wand hing ein Bild – ein einziger grauer Fleck auf einer weißen Leinwand, der aussah, als hätte jemand aufgegeben, bevor er überhaupt angefangen hatte.

Hinter dem Schreibtisch saß eine Gestalt, in graues Tuch gehüllt, das aussah, als hätte es die Farbe aus der Luft gesogen. „Setzen Sie sich“, forderte die Gestalt, ihre Stimme klang, als wäre sie schon tausend Mal gesagt worden.

Fred ließ sich auf den Stuhl fallen, der unter seinem Gewicht ein erschöpftes Knarzen von sich gab. „Lassen Sie mich raten“, sagte er mit einer Mischung aus Resignation und Neugier, „ich bin hier, um ein weiteres sinnloses Formular auszufüllen?“

Die Gestalt nickte, und Fred war sich sicher, dass er unter dem Tuch ein kurzes Zucken erkannte – als ob der Gedanke, ihn mit weiteren Papieren zu quälen, eine kleine Freude bereitete. Vor ihm erschien ein Stapel Papiere, so plötzlich, dass Fred fast zurückwich. „Formular zur Bestätigung Ihrer Existenz in dieser Realität“, stand in ordentlicher Schrift auf dem obersten Blatt.

„Existenzbestätigung?“ Fred runzelte die Stirn. „Ist das so eine Art metaphysische Bürokratie? Wo melde ich mich für die Existenzverweigerung an?“

Er griff nach dem Stift, der in seiner Hand lag wie eine unausgesprochene Frage, und hob ihn an, um zu schreiben. Doch bevor er die ersten Worte zu Papier bringen konnte, blieb sein Blick an dem Bild an der Wand hängen – ein grauer Fleck, der so aussagekräftig war wie die Stille vor einem schlechten Witz.

„Was passiert, wenn ich das nicht ausfülle?“, fragte Fred. Seine Stimme war jetzt mehr von gespielter Neugier als von echtem Interesse getragen. Was könnte schlimmer sein als ein Leben, das in Formularen feststeckt?

Die Gestalt hob den Kopf, und obwohl ihre Augen hinter dem Tuch verborgen waren, spürte Fred, dass sie ihn durchbohrte. „Dann bleiben Sie hier. Für immer.“

Ein kalter Schauder kroch Fred den Rücken hinunter, doch anstatt sich einschüchtern zu lassen, konnte er sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. „Für immer, huh? Klingt nach dem besten Angebot des Tages.“ Er setzte den Stift an, und die Worte flossen aus ihm heraus wie eine Art unfreiwillige Therapie. Jede Zeile fühlte sich an, als würde er eine weitere Schicht der Absurdität dieses Ortes aufdecken.

Als er schließlich fertig war, schob Fred das Formular über den Tisch, und die Gestalt nahm es entgegen, als wäre es der letzte Baustein eines längst vergessenen Puzzles. „Ihre Existenz ist bestätigt. Sie dürfen fortfahren.“

Fred stand auf, aber das Gefühl der Leere blieb, als ob das Labyrinth mehr von ihm genommen hatte, als es ihm zurückgab. Er wandte sich zur Tür, die wie ein Tor in das nächste Rätsel dieser kafkaesken Welt wirkte, doch bevor er sie öffnen konnte, sprach die Gestalt erneut.

„Einen Moment noch“, sagte sie. Ihre Stimme klang jetzt nachdenklicher, als ob sie sich plötzlich ihrer eigenen Bedeutung bewusst wurde. „Es gibt noch eine letzte Frage, die Sie beantworten müssen.“

Fred drehte sich um. Seine Augen fixierten die Gestalt, die jetzt eine fast unheimliche Präsenz ausstrahlte. „Und die wäre?“ Seine Stimme klang schärfer, als ob er die Antwort nicht nur hören, sondern förmlich aus ihr herauspressen wollte.

Die Gestalt lehnte sich vor, und obwohl ihre Augen hinter dem Tuch verborgen waren, fühlte Fred, wie sie in seine Seele blickte – tiefer, als er es selbst jemals gewagt hatte. „Warum sind Sie hier, Fred Müller? Was suchen Sie wirklich?“

Die Frage hing schwer in der Luft, als ob sie mehr Gewicht hätte als alles, was Fred bis dahin erfahren hatte. Er spürte, wie sich eine kalte Hand um sein Herz legte, als er versuchte, eine Antwort zu finden – aber nichts kam. Doch bevor er auch nur den Ansatz einer Antwort formulieren konnte, öffnete sich die Tür hinter ihm mit einem Knarren, das wie ein schiefes Lachen klang, und eine unsichtbare Kraft zog ihn in den nächsten Flur, als ob das Labyrinth entschieden hätte, dass seine Antwort entweder zu gefährlich oder zu unwichtig war, um gehört zu werden.