Fred „Der Freigänger“ Müller saß hinter seinem Schreibtisch und starrte auf das vergilbte Papier, das ihm plötzlich in die Hände gefallen war – oder war es eher ihm zugefallen? „Formular X-93b“ stand darauf, als wäre es aus einer anderen Zeit herübergeweht, ein Hauch aus der Vergangenheit, der jetzt in seinen Händen lag. Die Ränder waren zerfleddert, die Schrift kaum noch zu lesen, wie ein längst vergessenes Geheimnis, das in den Aktenordnern der Geschichte verstaubt war.
„Das riecht nach Ärger“, murmelte Fred, während seine Finger das Papier sanft strichen. Es fühlte sich alt an, fast lebendig, als trüge es ein Flüstern in sich, das nur darauf wartete, gehört zu werden.
Mit einem Seufzen, der mehr als nur Erschöpfung ausdrückte, schlug Fred die Akte auf. „Füllen Sie dieses Formular nur aus, wenn Sie bereit sind, die Realität zu erkennen.“ Ein leichtes Zucken durchlief Freds Gesicht. „Die Realität? Glaubt man hier wirklich, ich könnte ihr noch mehr abgewinnen?“ Sein Lächeln war schmal, fast unsichtbar, ein Lächeln, das mehr fragte als antwortete.
Doch die Worte hatten etwas in ihm geweckt. Er wusste nicht, was es war, aber seine Hand bewegte sich, als hätte sie einen eigenen Willen. Der Stift berührte das Papier, und in dem Moment, als er die erste Zeile ausfüllte, spürte Fred es – ein leises, kaum merkliches Zittern unter seinen Füßen, das sich wie ein Echo aus einer anderen Welt anfühlte.
„Kein Erdbeben“, dachte Fred, und doch war das, was folgte, alles andere als gewöhnlich. Das Leuchten, das von der Akte ausging, wurde intensiver, und die Wände seiner Kabine begannen zu flimmern, als wären sie nicht mehr fest, sondern eine Illusion, die sich aufzulösen begann.
„Das ist definitiv nicht in der Betriebsanleitung vorgesehen“, murmelte Fred, als er sah, wie die Aktenordner um ihn herum zu schmelzen begannen, als wären sie aus Wachs. „Und wenn hier jemand für diese Sauerei verantwortlich gemacht wird, dann sicher ich.“
Doch bevor er wirklich begreifen konnte, was geschah, fühlte Fred, wie ihn eine unsichtbare Kraft von seinem Stuhl riss, hinein in einen Strudel aus Papier, Tinte und zersetztem Gedankengut. Er taumelte, seine Hände griffen ins Leere, doch alles, woran er sich festhalten wollte, entglitt ihm, wie ein Traum, der im Morgengrauen verfliegt.
Mit einem harten Aufprall fand Fred sich auf festem Boden wieder. Es dauerte einen Moment, bis er sich gesammelt hatte, dann richtete er sich langsam auf und ließ den Blick schweifen. Ein endloser Flur erstreckte sich vor ihm, gesäumt von grotesk überdimensionierten Büropflanzen, die wie stumme Zeugen seiner Ankunft über ihm thronten.
„Na großartig“, murmelte Fred in die Stille hinein. „Willkommen in der Realität, oder was auch immer das hier sein soll.“
Ein schwaches, flackerndes Licht am Ende des Flurs erhellte ein Schild: „Willkommen in der Realität. Bitte füllen Sie das entsprechende Formular aus.“
Fred konnte sich ein bitteres Lachen nicht verkneifen. „Natürlich braucht selbst die Realität ein Formular. Warum überrascht mich das nicht?“
Er setzte sich in Bewegung, langsame, bedächtige Schritte, während die Flure endlos vor ihm lagen, ein Labyrinth ohne Ausgang. Jede Tür, die er passierte, trug eine seltsame Inschrift: „Büro der vergessenen Genehmigungen“, „Abteilung für verlorene Formulare“, „Sektion für überfällige Anträge“. Ein Frösteln durchlief ihn – war dies wirklich die Realität oder ein noch bösartigerer Albtraum als die ZEB?
Plötzlich tauchte vor ihm eine Gestalt auf – groß, hager, gehüllt in eine steingraue Uniform, die an die ZEB erinnerte, doch finsterer, strenger. „Bleiben Sie stehen!“, rief die Gestalt, die wie aus dem Nichts vor ihm erschienen war, mit einer Stimme, die durch den Flur hallte.
Fred blieb stehen, überrascht, aber nicht verängstigt. „Und wer genau sind Sie?“
„Ich bin die Warteschlangen-Aufsicht“, sagte die Gestalt, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit. Ein Gesicht so starr wie Marmor starrte ihn an. „Sie haben die Warteschlange übertreten.“
Fred blickte um sich. „Welche Warteschlange?“
Die Aufsicht deutete mit einer knochigen Hand auf den Boden, wo sich plötzlich eine Linie aus gelbem Klebeband abzeichnete, die in absurd verschlungenen Windungen den Flur entlangführte. „Diese Warteschlange. Sie haben das Band eindeutig überschritten.“
Fred betrachtete die Linie, dann die Aufsicht, und schüttelte langsam den Kopf. „Das ist doch lächerlich. Hier ist doch niemand außer mir.“
„Regeln sind Regeln“, sagte die Aufsicht mit unerschütterlicher Stimme. „Bitte begeben Sie sich sofort ans Ende der Warteschlange und warten Sie, bis Sie an der Reihe sind.“
„An der Reihe für was?“, fragte Fred, seine Stimme klang erschöpft, aber auch leicht amüsiert.
„Für das Ausfüllen des entsprechenden Formulars“, antwortete die Aufsicht, ohne auch nur einen Hauch von Emotion zu zeigen.
Fred konnte nicht anders, als ein Lachen zu unterdrücken, das fast wie ein Schluchzen klang. „Ich soll mich also hinten anstellen, um ein Formular auszufüllen, obwohl ich der Einzige hier bin?“
„Exakt“, bestätigte die Aufsicht, deren Augen ihn unbewegt anstarrten. „Und ich rate Ihnen, den Vorgang zügig durchzuführen. Jeder Verstoß gegen die Warteschlangenordnung wird umgehend gemeldet.“
Fred seufzte tief, seine Schultern sanken ein wenig. „Na schön“, murmelte er, während er sich ans Ende der unsichtbaren Warteschlange stellte, „wenn das hier die Realität ist, sollte ich mir ernsthaft überlegen, Urlaub zu beantragen.“