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Kapitel 4

Der Zorn von Gaia

Die Luft in der Lichtung hatte sich verändert. Das leuchtende Herz von Gaia pulsierte weiterhin in einem sanften Rhythmus, als ob es das Leben selbst in der Erde unter ihnen zirkulieren ließ. Doch das Gefühl der Stille und Ruhe, das sie zuvor für einen Moment gespürt hatten, war trügerisch. Sie wussten, dass etwas bevorstand – und es würde alles von ihnen abverlangen.

Elion hob vorsichtig sein Schwert, seine Augen fest auf das pulsierende Licht gerichtet. „Ich weiß nicht, was als Nächstes kommt“, murmelte er leise, während er sich in der Lichtung umsah. Die Bäume um sie herum wirkten bedrohlicher als zuvor, als ob sie lebendig geworden wären, mit dem einzigen Ziel, sie zu beobachten, zu testen, und wenn nötig, zu vernichten.

„Es ist zu ruhig“, flüsterte Zara. Ihre Augen waren halb geschlossen, als sie die magische Energie spürte, die sich wie eine unsichtbare Welle um sie herum verstärkte. „Das ist keine normale Magie. Gaia selbst ist erwacht.“

„Das war zu erwarten“, sagte Thorne mit rauer Stimme. Er hielt das glühende Amulett noch immer in der Hand, doch er wusste, dass es bald seine Wirkung verlieren würde. „Das Herz von Gaia prüft uns. Und wir müssen zeigen, dass wir würdig sind.“

Kaum hatte er das gesagt, begann die Erde zu beben. Ein dumpfes, tiefes Grollen durchzog den Boden, und das pulsierende Licht des Baumes begann zu flackern. Es war, als hätte Gaia selbst entschieden, dass die Zeit für zaghafte Bewegungen vorbei war. Der Zorn des Waldes, der Zorn der Welt, begann sich zu manifestieren.

„Haltet euch bereit!“ rief Elion, der sich in Kampfposition brachte. „Was auch immer das ist, es wird uns nicht kampflos hier durchlassen.“

Plötzlich stießen gewaltige Wurzeln aus dem Boden hervor, dick und kräftig wie die Arme eines Giganten. Sie rasten auf die Gruppe zu, wanden sich wie lebendige Schlangen und versuchten, sie in ihren Griff zu bekommen. Zara schwang ihren Stab und ließ einen Blitz aus reiner Energie auf die Wurzeln los. Die Luft knisterte, als der Zauber auf die pulsierenden Pflanzen traf, doch sie zogen sich nur für einen Moment zurück, um dann erneut anzugreifen.

„Sie sind zu stark“, keuchte Zara. „Das Herz von Gaia hat mehr Macht, als ich gedacht habe.“

Elion wich geschickt einer der Wurzeln aus, die sich nach ihm streckte. „Wir müssen das Herz direkt angreifen“, rief er über die Schulter. „Das ist der Ursprung dieser Magie!“

„Das ist leichter gesagt als getan“, zischte Thorne, während er einen Schutzzauber wirkte, um die Gruppe vor den unaufhörlichen Angriffen der Wurzeln zu schützen. „Wir haben es hier nicht mit einer einfachen Kreatur zu tun. Gaia selbst ist die Natur. Sie kämpft nicht nur, sie schützt.“

Elion sah, wie die Wurzeln unablässig auf sie einstürmten, als wäre der ganze Wald auf sie fokussiert. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, während er sich auf das Zentrum der Lichtung konzentrierte, wo der Baum weiter pulsierte, als wäre er der Herzschlag der Welt selbst.

„Ich gehe vor“, rief er und rannte auf das Herz zu. Seine Beine fühlten sich schwer an, als ob der Boden ihn festhalten wollte. Jede Bewegung war ein Kampf gegen die Erde, doch er kämpfte sich weiter voran.

Zara und Thorne kämpften in der Zwischenzeit gegen die immer wütender werdenden Wurzeln. Ihre Magie war stark, doch sie konnten spüren, wie die wilde Energie der Natur sie überwältigte. Jeder Zauber kostete mehr Kraft, und es fühlte sich an, als würde der Wald ihre Anstrengungen aufsaugen, sie schwächen.

„Wir müssen Elion Zeit verschaffen“, rief Zara und entfachte einen weiteren Energieschwall, der die Wurzeln für einen Moment zurückdrängte.

Elion rannte weiter, das Herz des Waldes vor Augen. Der Baum schien ihn zu beobachten, als ob er seine Bewegungen kalkulierte. Doch je näher er kam, desto stärker spürte er die Energie, die von ihm ausging. Es war nicht nur Magie – es war das pure Leben selbst, das sich gegen ihn stellte.

Plötzlich brach der Boden vor ihm auf, und eine gewaltige, erdfarbene Kreatur erhob sich. Sie war aus den Wurzeln und Steinen der Erde geformt, ihre Augen glühten in einem tiefen Grün. „Das ist Gaia“, murmelte er, als ihm klar wurde, dass er gegen die Verkörperung der Welt selbst kämpfen musste.

„Elion, pass auf!“ schrie Zara, als sie die Kreatur sah.

Doch er hatte keine Zeit zu zögern. Die Kreatur bewegte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit auf ihn zu und schlug mit ihren steinernen Fäusten nach ihm. Elion wich im letzten Moment aus, rollte sich über den Boden und sprang wieder auf die Beine. Er wusste, dass er keinen Fehler machen durfte. Ein einziger Treffer würde ausreichen, um ihn zu Boden zu bringen – oder Schlimmeres.

„Ich werde sie ablenken“, rief er, während er sein Schwert zog und die Kreatur angriff. Der Stahl traf die steinige Oberfläche, doch es war, als hätte er auf reines Metall geschlagen. Funken sprühten, aber der Angriff schien keinen Schaden anzurichten. „Verdammt, das wird nicht einfach!“

Während Elion die Kreatur beschäftigte, konzentrierte sich Zara auf das Herz von Gaia. „Thorne, wir müssen das Herz neutralisieren, sonst wird Elion nicht lange durchhalten.“

Thorne nickte, seine Hände zitterten vor Erschöpfung. Er sammelte die letzten Reste seiner Magie und begann, einen alten Beschwörungszauber zu wirken, den er nur in den tiefsten Büchern der Magie gelesen hatte. „Ich werde das Herz besänftigen“, murmelte er. „Aber es wird alles von mir abverlangen.“

Zara wusste, was das bedeutete. Thorne riskierte sein Leben, um ihnen eine Chance zu geben. Doch sie hatte keine Wahl. „Mach es, Thorne.“

Die Wurzeln um sie herum rasten weiter auf sie zu, doch Zara verteidigte Thorne so gut sie konnte. Jeder Energieschlag schwächte sie mehr, doch sie hielt stand. Elion kämpfte weiterhin mit der Kreatur, wich den heftigen Angriffen aus und suchte verzweifelt nach einer Schwachstelle. Doch er wusste, dass seine Zeit ablief.

Plötzlich erklang ein donnerndes Grollen, und das Herz von Gaia pulsierte stärker als zuvor. Ein grelles Licht erstrahlte von dem Baum, und für einen Moment schien die ganze Welt stillzustehen. Thorne, dessen Körper vor Anstrengung zitterte, sprach die letzten Worte des Beschwörungszaubers, und das Licht des Baumes begann zu verblassen.

Die Wurzeln, die sie angegriffen hatten, fielen schlaff zu Boden, und die Kreatur, mit der Elion gekämpft hatte, erstarrte in der Bewegung. Die Energie, die zuvor so wild und unkontrollierbar gewesen war, schien sich zu beruhigen, als hätte Gaia selbst entschieden, die Gruppe zu verschonen.

Elion keuchte, seine Brust hob und senkte sich schwer. Er schaute zu Thorne, der auf die Knie gesunken war, völlig erschöpft. „Haben... wir es... geschafft?“ fragte Elion atemlos.

Zara trat langsam zu Thorne und legte eine Hand auf seine Schulter. „Du hast es geschafft“, sagte sie leise. „Gaia hat ihren Zorn zurückgenommen. Für jetzt.“

Thorne nickte schwach, doch in seinen Augen lag ein tiefer Schmerz. „Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis sie erneut erwacht“, flüsterte er. „Wir haben sie vielleicht besänftigt, aber das Herz von Gaia vergisst nie.“

Die Gruppe blieb einen Moment still, während sie das sanfte Pulsieren des Baumes betrachtete. Der Zorn von Gaia war für den Moment gestillt, doch sie wussten, dass ihre Reise noch lange nicht vorbei war.

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